• Christian Langer

Wodka trinken und Putin winken


Tag 2 - Moskau



Die Nacht im Moskauer Hostel war warm. Sehr warm. Und sehr kurz. Die Zeitverschiebung lässt mich erst spät einschlafen und die nicht regulierbare Heizung früh aufwachen. So kann ich wenigstens den ersten Blogeintrag schreiben und online stellen.


Um 10 Uhr sind wir geduscht und ausgecheckt, lassen unsere Rucksäcke jedoch noch im Hostel. Um nicht lange anstehen zu müssen, gehen wir vor dem Frühstück direkt zum Roten Platz. Ich will Lenin sehen. Er mich nicht - das Mausoleum ist geschlossen. Ebenso die Basilius-Kathedrale. Blöd gelaufen, aber auch von außen schön.


Ein Spaziergang, durch diverse Fußgängerzonen, über viele große Plätze, vorbei am Bolschoi Theater und an zahlreichen Monumenten, führt uns irgendwann zurück zu unserem Ausgangspunkt. Da es erst Mittag ist, beschließen wir, unser Mehrtagesticket für die Metro voll auszunutzen. Die Bahnhöfe sind, anders als in Deutschland, keine dreckigen Betonbauten, sondern prunkvolle Paläste des Volkes. Worauf großer Wert gelegt wird, ist außerdem Sicherheit, denn bei jedem Eingang muss man, wie an einem Flughafen, durch den Metalldetektor. Der Security-Mann sieht meine kurze Lederhose an und lacht laut als er meinen Rucksack nach Sprengstoff durchsucht.


Wir fahren zum VDNH, der Freilichtausstellung zu den großen Triumphen der Sowjetunion. Das Areal ist riesig, wahrscheinlich viermal so groß wie mein Heimatdorf. In diversen Pavillons werden die ehemaligen Teilrepubliken und Errungenschaften wie Raumfahrt dargestellt. Allein während der Besichtigung des Geländes legen wir circa drei Kilometer zu Fuß zurück. Bizarr ist auch die Musikauswahl, mit der der Platz beschallt wird. Immer wieder wechselt der Sound aus den Lautsprechern zwischen Katie Melua, sowjetischen Hymnen, den Rolling Stones und Free-Jazz. So stelle ich mir sowjetische Folter vor.


Auf dem Weg zurück werden wir von einer netten Dame auf der Straße angesprochen, welche uns in eine Hinterhof-Kantine bringt. Dort sitzen Russen beim verspäteten Mittagessen und auch wir bestellen uns Eintopf, Hirse mit Pilzen und eine Quarktasche. Im Fernsehen läuft Putin, was auch sonst, und wir fühlen uns endlich wirklich angekommen.

Zurück im Hostel wollen wir noch ein wenig Zeit vertreiben, bevor wir um 23 Uhr mit dem ersten Abschnitt der transsibirischen Eisenbahn beginnen. Wir lernen Sasha und Juri kennen. Beide sind ehemalige Elitesoldaten und kommen aus Nurilsk. Die Stadt am Polarmeer, so erzählen sie, ist extrem kalt und sie sieht mit den umliegenden Fjorden aus wie Norwegen. Denken sie zumindest, denn sie dürfen berufsbedingt nicht ins Ausland reisen. Deutschland finden beide gut, Lederhosen auch. Sasha lässt es sich nicht nehmen, die Kurze anzuprobieren. Damit lässt sich eine "Russenhocke" machen - für alltagstauglich befunden.


Zeit für einen Eisbrecher: Wir öffnen eine Flasche Wodka und da der Konsum von Alkohol im Hostel nicht gestattet ist, gehen wir auf die Straße. Dort ist es zwar ebenfalls verboten, aber "wir Russen machen das trotzdem", so Juri.

Auf einem nahe gelegenen Spielplatz zeigt Sasha uns Handyfotos von ihm mit einem Maschinengewehr und vor einem LKW mit riesigem Einschussloch. "Das war bei der Annexion der Krim. Der Sniper hat mich nur knapp verfehlt", erzählt er stolz. Wir möchten das für West-Europäer eher unangenehme Krim-Thema umgehen, bieten stattdessen lieber wieder Wodka an. Das funktioniert im Zweifelsfall immer.


Bald ist die Flasche leer und wir tauschen gegenseitig Trinksprüche, einheimische Musik und positive Vorurteile aus. Juri rappt in seiner Freizeit und zeigt uns Aufnahmen. Auch ich gebe mich als Musiker zu erkennen und schnell ist man auf einer Wellenlänge. Wir verstehen uns jetzt blendend. Auf einmal geht Sasha einige Schritte nach vorne, hebt das Glas und winkt dem Kreml zu. "Putin sitzt da vorne und kann uns sehen, wie wir in der Öffentlichkeit rauchen und trinken. Und er macht nichts. Daran siehst du, dass Russland ein freies Land ist."


Wir haben neue Freunde gefunden und machen uns schweren Herzens auf, um Moskau zu verlassen. Um 23:05 fährt die Transsibirische Eisenbahn los. 28 Stunden Zugfahrt nach Jekaterinburg stehen bevor. Wir verlassen Moskau mit dem Versprechen, beim nächsten Mal Nurilsk zu besuchen.






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