• Christian Langer

Wie ist es eigentlich in der transsibirischen Eisenbahn?

Aktualisiert: 26. März 2019


Die Transsibirische Eisenbahn in Nowosibirsk.

Wenn man an die transsibirische Eisenbahn denkt, gehen einem vor allem alte Dampfloks durch den Kopf, die sich ihren Weg durch die sibirische Einöde bahnen. Die Wände sind mit goldenen Ornamenten verziert, im Speisewagen wird man von gut gekleideten Obern bedient während vor dem Fenster die verschneiten Gipfel des Ural-Gebirge vorbeiwandern.


So ist es aber nicht: Man sitzt auf engem Raum zusammengepfercht, der Wagon ist auf 27 Grad hochgeheizt, die Landschaft besteht bis Nowosibirsk nur aus Birken und Schnee. Es ist laut und manchmal, bis sehr oft, riecht es seltsam.

Aber das Schöne an dieser Bahnfahrt ist, dass man Personen aller Alters- und Sozial-Schichten kennenlernt. Gerade in diesem Moment sitzen zwei Russen aus Tjumen auf meinem Bett, gegenüber noch einmal drei und wir teilen Essen und trinken zusammen Wodka, obwohl dies im Zug eigentlich verboten ist.


Drei Tage zuvor hatte ich eine tolle Begegnung im Zug nach Jekaterinburg: Alevtina ist 70 Jahre alt und besucht ihre Tochter. Jedes Jahr bereist sie den Goldenen Ring. So bezeichnet man verschiedene russische Städte im Norden Moskaus: Iwanowo, Kostrowa, Susdal, Uglitsch, Weliki, Sergijew Possad, Pereslawl-Salessk, Wladimir, Jaroslaw und Rostow. Die letzteren Drei sind zum Teil dem West-Europäer noch ein Begriff. Sie haben eines gemeinsam: Hier kann man altrussische Geschichte quasi einatmen, weshalb man hier auf überwiegend russische Touristen trifft. Apropos scheint der Winter nicht einmal Nebensaison zu sein: In keiner unserer Unterkünfte und auch nicht im Zug haben wir bisher auch nur einen einzigen Touristen getroffen.


Früher ist Alevtina sogar selbst Flugzeug geflogen. Wäre sie in unserem Alter, sie würde auch eine Weltreise machen, sagt sie.


Ich bekomme eine kleine, in Plastik eingeschweißte Karte von ihr. Es ist ein Bild des Hl. Nikolai, dem Schutzheiligen der Reisenden. Er soll über mich wachen und mich auf meiner Weltreise beschützen, so die 70-Jährige. Wir quatschen, Stunden um Stunden vergehen, und man vergisst völlig, wie sehr Einen bis vor Kurzem noch die Hitze und der Geruch gestört hatten. Die Russen öffnen ihre Seele im Zug, welchen sie meist zum Pendeln benutzen.





Zurück zur aktuellen Situation: Wir sitzen mit nun zu acht auf einem Bereich für sechs Personen, essen eingelegte Gurken, haben fast zwei Flaschen Wodka geleert und teilen deutsche Landjäger. Es ist eine lustige Runde. Sergej, so der unterhaltsamste unserer Mitreisenden, arbeitet auf Yamal, einer Halbinsel im Norden. So wie wir es verstehen, arbeitet er wohl auf einer Bohrinsel oder etwas Ähnlichem. Zu unserer großen Überraschung hat auch er ein Geschenk für uns parat: Sein Klappmesser. Verzweifelt versuchen wir, etwas annähernd wertvolles zu präsentieren, können jedoch nur Schafkopf-Karten bieten. Er freut sich trotzdem über alle Maßen und präsentiert stolz sein neues Kartendeck seinem Freund Schenja. Allerdings ist er überrascht, dass es weniger Karten als bei einem Skat-Deck sind.


Verkatert verlassen Sergej und Schenja um 2:19 den Zug in Omsk und wir erreichen kurz darauf Nowosibirsk. Von hier aus geht die Reise am Abend weiter nach Irkutsk am Baikalsee.


Die Transsib mag nicht romantisch sein, aber lustig ist es alle mal und man lernt die Russen so kennen, wie sie wirklich sind. Von außen vielleicht ein wenig grimmig, bei näherer Betrachtung aber herzensgute Menschen. Achja, und die Landschaft ist auch nicht so ohne.



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