• Christian Langer

Wie ich Yunnan auf einer Beerdigung zu Mittag aß



Es ist schwer, alle Erlebnisse der letzten drei Wochen in wenigen Zeilen zusammen zu fassen. Deshalb beschränke ich mich hier auf das wirklich Außergewöhnliche. Zu allererst, Yunnan ist nicht China. Während in fast allen anderen Teilen des Landes Han-Chinesen das Bild prägen, besticht Yunnan durch eine Vielfalt verschiedener Minderheiten.


Doch zum Anfang: Wir erreichen Yunnans Hauptstadt Kunming mitten in der Nacht. Als wir am nächsten Tag die Stadt erkunden, können wir unseren Augen nicht glauben. Sieben Millionen Menschen leben hier, aber es ist völlig ruhig und idyllisch. Vor allem der Green Lake Park besticht durch atemberaubende Schönheit: Blühende Sträucher und Blumen, idylische Wasserlandschaften und schmucke Pavillons führen zu meiner völligen Entspanntheit.


Was sich außerdem von deutschen Parks abhebt, ist die Tatsache, dass hier das blühende Leben stattfindet. Rentner treffen sich, um gemeinsam traditionelle Musik anzustimmen, an jeder Ecke wird getanzt und zahlreiche Leute spielen Karten.



Im Hostel lernen wir die Schweizerin Kim kennen, sie ist mit Ihrer Tante unterwegs. Als sie mir erzählt, dass sie singt, fangen wir bald an, zu jammen. Ein Typ mit langen Haaren stellt sich als James aus Ohio vor. Er möchte uns in eine Bar mitnehmen, in der an diesem Abend eine Open-Mic-Night stattfindet. Wir sind sofort begeistert.


Da wir jedoch kein Repertoire haben, warten wir die Jam-Session ab. Gemeinsam mit Australiern, Amerikanern und Chinesen improvisieren wir auf der Bühne bis 3 Uhr nachts. Blues, Hip-Hop, Funk - kein Stil wird verschont. Das ist Völkerverständigung allererster Güte.


Der Besitzer der Bar ist Deutscher. Friedhelm kommt aus Norddeutschland und hat sich vor einigen Jahren in Kunming niedergelassen. Nach einigen Gastronomie-Jobs wurde er von einem Niederländer gefragt, ob er nicht mit ihm zusammen eine Bar aufmachen möchte.


In der Turtle Bar trifft sich die alternative Szene Kunmings: Musiker, Skater, Punks und Querdenker. Sie alle finden bei Fried, wie ihn die Einheimischen nennen, Unterschlupf. Und ihnen wird neben viel Livemusik auch hervorragendes Essen geboten. Die Pizza war wohl eine der besten, die ich jemals außerhalb Italiens auf dem Teller hatte.



Wir zahlen weniger für das Essen und bekommen Freibier. Das Musikerleben ist schön und Johannes und ich stehen nebenbei das erste Mal seit acht Jahren wieder zusammen auf einer Bühne.


Wir verlassen Kunming nach drei Tagen in Richtung Dali, das mit seiner Altstadt eine der schönsten Städte Chinas sein soll. Das haben allerdings auch chinesische Touristen entdeckt. Ich bin völlig fassungslos über die Menge an Reisenden in der mit Souvenirshops zugeballerten Altstadt.


Johannes und ich können nach fünf Wochen ständigem Aufeinandersitzen ein wenig Abstand vertragen, weshalb er mit dem Israeli Amir eine Rollertour startet und ich den Tag mit den Amerikanern Jason, Hannah und Alice verbringe.


Sie haben alle ein Stipendium, welches sie zu Forschungszwecken nach China gebracht hat. Sie alle eint, dass sie chinesische Wurzeln haben. Ihre Sprachkenntnisse helfen bei unserer gemeinsamen Tour ungemein. Hannah und ich gönnen uns eine Ganzkörpermassage, Jason und Alice lassen sich nur die Füße durchkneten. Während Hannah sanft massiert wird, erkennt mein Masseur sämtliche Verspannungen in meinem Rücken.


Mit seinem ganzen Körpergewicht stemmt er sich auf meine Wirbelsäule. Seine Knöchel sind nach der Massage immer noch weiß. Selten habe ich bei einer Massage darum gekämpft, nicht laut aufzuschreien. Aber: Es hilft. Ich fühle mich wie neugeboren!

Zum Abendessen teilen wir einige Gerichte in einem Szechuan-Restaurant. Ich kämpfe zwar nicht mit den vielen Chilis, dafür aber mit meiner Unfähigkeiten beim Essen mit Stäbchen. Es ist trotzdem ein toller Abend, der in großer Runde im Hostel endet, wo wir neben Johannes und Amir auch auf weitere Israelis und den Polen Paul treffen.


Wenn ihr euch jetzt fragt, warum wir in China immer mit Ausländern abhängen: Es ist sehr schwer mit Chinesen in Kontakt zu kommen. Sie sind überaus freundlich und zuvorkommend, mangelnde Englischkenntnisse verhindern jedoch längere Unterhaltungen. Das hat in Russland besser geklappt.


Dali ist uns von der ersten Sekunde an zu touristisch. Darunter leidet auch ein wenig die Reise-Harmonie. Man sieht sich wochenlang jeden Tag quasi jede Sekunde, da ist der ein oder andere Zoff eigentlich vorprogrammiert. Doch bis jetzt waren wir intelligent genug, auch einmal zurück zu stecken und eine Eskalation zu vermeiden. Wir spüren, dass wir kurz vor einem Krach stehen. Um eine entspanntere Atmosphäre zu schaffen, fahren wir mit einem Minivan nach Shaxi. Die Stadt nördlich von Dali hat eine gut erhaltene Altstadt und wenn ich sie mit einem Wort beschreiben müsste: Wunderschön.


Alles ist grün, wenig Touristen kreuzen unseren Weg und durch die komplette Stadt laufen kleine Wasserkanäle. Das Plätschern beruhigt und ist schön anzusehen.Wir beschließen auch das Umland kennen zu lernen. Johannes zeigt sich sportlich und radelt. Ich, faul und müde, miete einen Roller.


In dieser Gegend leben vor allem Bais, eine Minderheit, die überwiegend von Landwirtschaft lebt. Die Sonne scheint und wir fahren durch Felder, Berge und kleine Dörfer. Das sieht nicht mehr nach Industrienation aus, die Menschen leben am Rande der Armutsgrenze. Aber sie sind glücklich.



Tiefentspannt und wieder harmonisch reisen wir nach Yuanyang. Auf Umwegen: Wir haben nicht rechtzeitig das Zugticket von Kunming aus gebucht müssen dort erneut eine Nacht verbringen. Diesmal allerdings im großen, modernen, lauten Teil der Stadt in Bahnhofsnähe.


Das günstigste Hostel kostet sechs Euro, ein guter Preis in dieser Gegend. Allerdings schlafen wir zu unserer Überraschung nicht wirklich in einem Hostel: Es ist eine zum Hostel umfunktionierte Wohnung. Während Johannes ein Bett in einem 4er-Zimmer erhält, teile ich mir das Wohnzimmer mit fünf Chinesen und einem Franzosen. Das Bett wackelt bei jeder Bewegung und die Matratze ist nicht dicker als ein Wurstbrot. Aber wir haben am nächsten Morgen einen kurzen Weg zum Bahnhof.


Als wir nach einer Zug-, einer Taxi- und zwei Bus-Fahrten endlich die Reisfelder bei Xinjie erreichen, stellen wir überrascht fest, dass wir uns in Südostasien befinden. Bananenplantagen, tropische Hitze von knapp 40°C und kein einziger Han-Chinese.


Leichenschmaus in Yunnan


Jackys Guesthouse liegt versteckt an einem Berghang. Wir bekommen ein kostenloses Upgrade auf ein Doppelzimmer mit Dusche und Toilette. Dafür hat sich die lange Anreise gelohnt. Wir möchten uns ein Essen gönnen und gehen auf die Suche nach einem Restaurant.


Vor und in einem alten Haus sitzen zahlreiche Menschen in traditionellen Klamotten und teilen sich das auf kleinen Holztischen zubereitete Essen. Während wir uns noch fragen, ob das denn ein Restaurant sein könnte, winkt uns bereits eine alte Dame zu sich und möchte, dass wir uns setzen.


Einige jüngere Frauen rutschten zusammen, um die Fremden neben sich zu haben. Wir können uns zwar nicht verständigen, im Essen sind wir jedoch gut. Man drückt uns eine Schüssel mit Reis in die Hand und legt uns nahe, jedes Gericht auf dem Tisch zu versuchen. Eingelegter Fisch, viel Gemüse, hervorragend gewürztes Fleisch, Tofu - alles soll probiert werden. Wir sind das große Highlight, denn jeder beobachtet ganz genau, wie die Weißen essen.


Nach knapp 15 Minuten deutet eine Frau am Nebentisch auf ein Bild an der Wand. Dann fällt uns auf, dass das weißgestrichene Objekt, das nur wenige Meter von uns entfernt steht, kein Möbelstück ist.


Es ist ein Sarg. "Unser Papa", erzählen uns unsere Sitznachbarinnen, während die zierlichen Frauen im Rekordtempo die achtfache Menge unserer Mahlzeit essen. Wir sind wohl doch nicht das Highlight des Tages.


Leicht beschämt, auf einer fremden Beerdigung zu sein, und sich am Essen zu bedienen, sehen wir uns an. Naja, wir haben ja nicht gefragt, sondern wurden eingeladen. Aber uns ist bewusst, dass die Zeit nach dem Leichenschmaus komisch werden könnte.


So ist es dann auch. Auf Wunsch der Gastgeberin verbeugen wir uns vor dem Sarg und bedanken uns beim Verschiedenen für das leckere Essen. Eine unangenehme Stille und vielen fragende Gesichter kommen auf. Dann wird uns mit einer eindeutigen Geste signalisiert, dass wir nun auch wieder gehen dürfen. Gott sei Dank.


Jacky, der Besitzer des Hostels erklärt mir später, dass die Hani (er ist ebenso einer) polytheistisch-animistisch sind, was ihre Religion angeht.

Ich hatte mich eigentlich nur erkundigt, ob denn die Küche noch auf hat und ein Snack verfügbar wäre. Er hatte mich dann gleich dazu eingeladen, mit ihm und dem Personal zu essen. Er erzählt mir von den Hani, die ursprünglich aus Tibet stammen und in Yunnan nun in den hohen Bergregionen heimisch sind. Er selbst hatte eigentlich einen kleinen Laden in Xinjie, machte bald darauf Touren mit Touristen und eröffnete irgendwann einfach selbst ein Hostel.


Nach dem lehrreichen ersten Tag, wollen wir am nächsten die Landschaft besser kennenlernen. In den Bergregionen Süd-Yunnans werden Bananen und, in unserer Gegend, Reis angebaut. Seit mehreren Jahrhunderten haben die Hani dort mühsam Ebenen in die Berge gebaut und versorgen sie durch ein ausgeklügeltes Wasserleitungssystem.

Nach einigen Kilometern entlang der Hauptstraße können wir endlich in die Reisfelder abbiegen. Die Aussicht ist wirklich unglaublich! Kilometerweiten sind die Berge mit Reisanbauflächen überzogen, in denen sich die Mittagssonne spiegelt.


Wir verlassen den Pfad und balancieren auf den schmalen Erdwänden zwischen zwei Feldstufen, dabei fürchte ich mein Handy oder meine Kamera fallen zu lassen. Es geht jedoch alles gut, nur ein chinesischer Hobbyfotograf macht eifrig Fotos von den zwei komischen Touristen. Ich revanchiere mich mit meiner Kamera.


Ein schmaler Pfad durch dschungelähnliche Vegetation führt uns tiefer ins Tal. Die Aussicht wird immer spektakulärer und nach einigen weiteren Kilometern stehen wir schließlich wieder am Hostel. Obwohl wir ursprünglich andere Pläne hatten war der Trip nach Yuanyang definitiv ein absolutes Highlight, das ich jederzeit wiederholen würde.



Transportprobleme


Zurück in unserer Homebase Kunming, freuen wir darüber, die nächsten Tage perfekt vorbereitet zu haben. Zugtickets sind gebucht, Hostels in Shenzhen und Hongkong auch. Kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen.


Wie dumm, dass wir nicht auf die Bestätigungs-Email unserer Zugbuchung gesehen haben. Als wir die Tickets am Hauptbahnhof abholen, erfahren wir, dass der Zug an einem anderen Bahnhof abfährt. 45 Minuten Taxifahrt später erreichen wir den Bahnhof Kunming-South. Wären es 40 Minuten gewesen, hätten wir unseren Zug erwischt. So sind 85 € für die High-Speed-Train-Fahrt in den Sand gesetzt und unsere Pläne völlig verworfen.


Ich will nicht Zeit in Hongkong einbüßen, Johannes nicht 130 € ausgeben. Wir trennen uns: Ich nehme den Nachtflug nach Shenzhen, er den Overnight-Zug nach Nanning und von dort aus den nächsten Zug nach Shenzhen.

Meine Variante ist deutlich schneller, aber auch deutlich teurer. Stört mich jedoch nicht, ich will nach Hongkong, das von Shenzhen aus zu Fuß erreichbar ist. So mache ich mich auf den Weg zum Flughafen.


Dort gestaltet es sich erst einmal schwieriger als zu erwarten. Mein Flug wird auf der Departures-Tafel nicht angezeigt, die Airline sagt auf ihrer Website, dass meine Buchungsbestätigung nicht zum Check-In reicht und niemand spricht Englisch.

Ich versuche mein Glück einfach am Schalter, und siehe da: Alles hat geklappt. Nur der Flug hat Verspätung, zur geplanten Startuhrzeit, steht das Flugzeug noch nicht mal am Gate.

Um kurz vor 3 Uhr Nachts stehe ich jedoch am Gepäckband und kann meinen Rucksack entgegen nehmen. Da die U-Bahn jedoch erst ab 6:30 Uhr fährt, muss ich die Zwischenzeit mit Netflix und Automatenkaffee überbrücken.


Ein Taxifahrer verfolgt mich durch das komplette Flughafengelände, seine 350 Yuan Fahrtkosten entsprechen jedoch nicht meinen Preisvorstellungen. Da ich mich auch von 300, 280, 250, 220 und 180 yuan nicht überzeugen lasse, wirft er verzweifelt 150 in den Raum. Ich nehme an.


Am Taxistand angekommen, sagt er einem dabeistehenden Fahrer, dass dieser übernehmen soll, was ihn angesichts der Summe offensichtlich nicht erfreut. Daraufhin flüstert ihm mein schlechter Verhandlungspartner minutenlang etwas zu, woraufhin beide grinsen.


Ich traue ihnen nicht, und verschwinde schleunigst vom Taxistand, was beide mit wütenden Ausrufen quittieren. Aber bevor ich abgezogen werde, warte ich lieber.

Mit der ersten Bahn fahre ich direkt zur innerchinesischen Grenze. Da Hongkong eine Sonderverwaltungszone ist, sprich eigene Regierung, eigene Währung etc., ist diese Grenze notwendig.


Um 9:30 Uhr erreiche ich schließlich das Hostel. Es ist brütend heiß und die Luftfeuchtigkeit beträgt knapp 85 %. Völlig verschwitzt sitze ich nun da, Check-In ist erst in einigen Stunden möglich.


Sarah aus London ist ebenfalls gerade angekommen. Wir beschließen, gemeinsam einen Kaffe zu trinken. Sie sieht sich anschließend die Sehenwürdigkeiten der Stadt an, ich bevorzuge, zu Fuß durch unser Viertel zu laufen.


Die Stadt auf der Kowloon-Insel ist der asiatische Teil Hongkongs, so stelle ich mir das Stadtbild von Bangkok vor: Hohe Betonbauten, an den Balkonen hängt Wäsche und in den Gassen sind kleine Straßenmärkte. In einem kleinen Park verweile ich bis zum späten Nachmittag bevor Johannes abends ebenso verschwitzt eintrifft.

Am nächsten Tag erkunden wir die Stadt noch mehr. Auf der Hongkong-Insel ist der europäische Teil der Stadt. Die Wolkenkratzer-Schluchten bieten eine atemberaubende Kulisse und es fühlt sich nach New York an.


Da ich jedes Jahr zu Ostern Räucherlachs esse, gönne ich mir den teuersten Räucherlachs-Bagel meines Lebens: Circa 14 Euro ist mir meine Tradition wert. Im Vergleich zum chinesischen Festland hat Hongkong wirklich gesalzene Preise.


Aber wir wollen es krachen lassen, schließlich haben wir unseren letzten gemeinsamen Tag. Abends betrachten wir die Light-Symphony, bei der mehrer Gebäude eine Lichtshow präsentieren. Die bunten Lichter spiegeln sich auf dem Wasser und die dazugehörige Musik bietet die passende Geräuschkulisse.


Seit Monaten haben wir uns vorgenommen, am letzten gemeinsamen Abend auf eine Rooftop-Bar zu gehen. Das überteuerte Bier wird von der fantastischen Hochhaus-Kulisse wettgemacht und wir werden nostalgisch:

Sibirische Kälte, der zugefrorene Baikalsee, Nächte in Jurten von Nomadenfamilien, der Sternenhimmel der Wüste Gobi, Sanddünen, die chinesische Mauer, Peking, wunderschöne Parks in Yunnan, Reisterassen und eine Menge Abenteuer haben wir in den vergangenen sechs Wochen hinter uns gebracht. Es war eine wunderschöne Erfahrung, von der wir unser Leben lang erzählen werden.


Das letzte gemeinsame Bier trinken wir auf dem Dach unseres Hostels im 31. Stock. Am nächsten Tag verabschieden wir uns dann am Flughafen. Ab jetzt bin ich allein und auf mich gestellt, und mit diesem Gefühl setze ich mich in den Flieger nach Bali.


Weitere tolle Geschichten warten auf mich.



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