• Christian Langer

Schön aber es riecht nach Ziege - 7 Tage in der Mongolei


Teil 1


Normalerweise eher an gemäßigte Temperaturen gewöhnt, passt sich die gemeine Lederhose auch wärmeren Temperaturen an.

Ich sitze in einem Bus in roter asiatischer Blumenoptik. Frühmorgens haben wir Ulan Ude, die Hauptstadt der Republik Burjatien, verlassen. Hier endete auch unsere Reise mit der transsibirischen Eisenbahn, welche nun weiter in Richtung Wladiwostok fährt. Stattdessen nutzen wir nun die transmongolische Eisenbahnlinie nach Peking. Zumindest bald, da uns nun ein deutlich günstigerer Bus in die Hauptstadt der Mongolei befördert. 13 Stunden in einem Bus, der auf dem Weg immer wieder von auf der Straße laufenden Ziegen, Pferden und Kühen gestoppt werden wird.


Die Grenzübertretung verläuft eher schleppend: Stolze sieben Pass- und zwei Gepäckkontrollen später haben wir aber dann endlich zum ersten Mal mongolischen Boden unter den Füßen. Das Land von Nomaden und Dschingis Khan, dessen Reich sich von China bis Europa erstreckte. Wir sind da.


Die Landschaft wird jahreszeitenbedingt immer trister. Steppe und Felsen, hin und wieder einige kleine Städte und Dörfer. Auf einmal öffnet sich jedoch die graue Wolkendecke, die Sonne strahlt in die karge Umgebung und beleuchtet einen zugefrorenen See, während es sich ein Pferd auf dem Mittelstreifen gemütlich macht. Aus meinem Kopfhörer dröhnt "All Right Now" von Free, und so wie die Band heißt, fühle ich mich auch.


Nach einer sehr langen Busfahrt erreichen wir Ulan Bator. In der Mongolei leben lediglich drei Millionen Menschen, verteilt auf eine Fläche, die über viermal so groß ist wie Deutschland. Die Hälfte aller Mongolen wohnen in Ulan-Bator, das damit eine ähnliche Einwohnerzahl hat wie München.


Die kälteste Hauptstadt der Welt nahm vor etwa 15 Jahren deutlich an Größe zu, da viele Nomaden auf Grund von ertragslosen Jahren und kalten Wintern dazu gezwungen wurden, ihr Wanderleben aufzugeben. Die Grasflächen wuchsen nicht, zahlreiche Tiere starben und damit auch die Lebensgrundlage der Nomaden.


Rein vom Touristischen her, hat die Hauptstadt nur sehr wenig zu bieten, weshalb wir einen Besuch auf dem Schwarzmarkt vorziehen. Nach knappen drei Kilometern zu Fuß, die Straßen platzen vor Autos, was eine Bus- oder Taxifahrt egalisiert, erreichen wir den Markt und decken uns mit Souvenirs sowie einigen wärmenden Klamotten ein. Im Hostel begrüßt uns die Dame am Empfang freundlich, ein dicker Junge bringt mit "What's up, Bro?" auch seine Fremdsprachenkenntnisse zu Tage.


Was sehr überraschend ist, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, ist das Hauptstadt-Wetter im Frühjahr. Viermal schneit es, dann scheint wieder die Sonne oder es regnet. Innerhalb von Minuten. Darauf waren wir nicht vorbereitet.


Anstatt wie geplant auf eigene Hand loszuziehen, lassen wir uns im Hostel doch davon überzeugen, eine Tour zu buchen. Für jeweils knapp 300 Euro bekommen wir fünf Tage lang einen Bus samt Fahrer, einen Guide, einen Hilfs-Guide, Übernachtungsmöglichkeiten und Verpflegung.



Johannes, Undraa, Bayanaa, Ich und Bataa


Am nächsten Morgen startet unserer Tour durch die Mittel- und Süd-Gobi. Undraa war früher einmal Lehrerin, nun verdient sie ihr Geld als Guide. Bayanaa, der Hilfs-Guide, begleitet uns, um seine Englischkenntnisse zu verbessern. Ergänzt wird die Runde durch Bataa, der uns in seinem UAZ-Buss durch die Wüste kutschieren wird. Der erste Tag ist ein reiner Fahrt-Tag, da wir nur wenig Zeit zur Verfügung haben, und die einzige geteerte Straße in den Süden nutzen können.



Wie bereits auf dem Baikalsee, waren wir auch in der Gobi mit einem russischen UAZ-Bus unterwegs.


Zum Mittag gibt es frittierte Teigtaschen mit Schafsfleisch-Füllung, Khuushuur genannt. Danach geht es weiter an den kältesten Punkt der Wüste Gobi, der sich als gefrorenener Bergfluss und dessen zugehöriger Wasserfall herausstellt. Abends erreichen wir dann die Übernachtungsmöglichkeit, eine Nomadenfamilie. Die Unterhaltung fällt relativ spärlich aus, sie bevorzugen es, eine mongolische Comedy-Sendung im Fernseher zu betrachten. Johannes und ich bekommen dafür jedoch eine ganze Jurte zu zweit. Soll uns ganz recht sein.



In diesen Jurten leben Nomaden seit Jahrhunderten, es sind Zelte mit einer Holzkonstruktion, welche innerhalb einer Stunde auf- und abgebaut werden können. In der Mitte steht ein kleiner Ofen, der die Jurte auf unglaubliche Temperaturen hochheizt. Allerdings, und das erfahren wir schmerzhaft, geht er logischerweise mitten in der Nacht aus, und die Kälte der Wüste zieht mit ein. Dies waren während unserer Tour bis zu -14 Grad, wovor auch nicht ein Schlafsack samt Inlay und Skiunterwäsche schützen. Entschuldigt wird dies jedoch durch den unglaublich klaren Sternenhimmel, der uns jede Nacht begrüßt. Quasi null Lichtverschmutzung ist eine tolle Sache.


Beim Aufstehen haue ich aus Versehen die Jurtentür einer Ziege, die sich gerade vor dem Eingang befand, auf den Kopf. Die Herde bedient sich vor unserem Wüsten-Domizil der kargen Grasvorräte, dahinter befindet sich ein leichtes Alpenpanorama.


Leicht durchgefroren machen wir uns los zu meinen persönlichen Highlights: Kamele und Sanddünen. Der große Teil der Wüste besteht aus endlosen Steppenlandschaften und schneebedeckten Bergen. Man sieht kilometerweit nichts, nur ab und zu begegnen einem Pferde, Schafe, Kamele, Kühe und vor allem: Ziegen. Sie sind überall, da sie mit circa 80 $ pro Stück die günstigsten Weidetiere sind. Außerdem riecht auch alles nach Ziege, und die Verpflegung ist sehr fleischlastig - natürlich auch vorwiegend Ziegenfleisch. Für die Nomaden ist das Tier jedoch leicht zu halten und die Anzahl der Tiere verdoppelt sich pro Jahr. "Im Herbst wird geschlachtet, und deshalb im Winter auch viel Fleisch gegessen. Im Sommer dagegen gibt es hauptsächlich Milchprodukte auf den Teller", erzählt uns Undraa.


Morgens besichtigen wir einen nahegelegenen See, zugefrorern selbstverständlich, und anschließend erreichen wir am frühen Nachmittag die Kamelfarm in Nähe der Sanddünen. Die Besitzerin, eine Dame gehobenen Alters schwingt sich elegant in den Sattel, während ich, der 24-Jährige fast dabei umfalle. Sie sitzt auf dem vorderen Kamel unseres Leitgespanns, Johannes auf dem hinteren. Da wir nicht des Mongolischen mächtig sind, können wir uns nicht mit ihr unterhalten, und geben stattdessen unseren Kamelen bayerische Namen und Charakterzüge:

Während mein Schorsch auf Karriere aus ist, und gerne anführen möchte, ist Johannes' Wilfried genügsamer und lässt sich vom Schorsch regelmäßig in die umliegenden Dornenbüsche schubsen.



Johannes auf Wilfried, Ich auf Schorsch, unsere Gastgeberin auf Amadeus (ohne Sabrina)


Nach wackeligen 45 Minuten auf dem Wüstenschiffen erreichen wir die Dünen, wo Bataa und Bayanaa schon auf uns warten. Bataa, der aus der Gegend stammt, ist eine Maschine und erreicht den Gipfel nach circa 30 Minuten. Johannes folgt ihm kurz darauf. Bayanaa ist fast so langsam wie ich, allerdings kämpfe ich mehr mit dem "Ein-Schritt-Vor und Zwei-Schritte-Zurück"-Prinzip der Düne. Völlig erschöpft schaffe ich es jedoch auch nach über 45 Minuten die Spitze der 180 Meter hohen Düne. 45 Minuten für 180 Höhenmeter. Wie sehr hatte ich mir in diesem Moment einen Berg mit festem Boden unter den Füßen gewünscht.


Der Ausblick aber ist phänomenal. Ich kann es gar nicht beschreiben, seht euch einfach die Fotos an.


Erschöpft und mit Ziegenfleisch (bäh!) gemästet, fallen wir in unserer Jurte ins Bett. Bretthart und saukalt. Aber mit schöner Aussicht auf die Milchstraße.


Der zweite Teil folgt in Kürze! Liebe Grüße aus China.




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