• Christian Langer

Wildnis, Bären und Fast Food – Zwei Wochen Roadtrip durch Kanada


In Lederhosen am Lake Louise

Vorwort

Ja, ich weiß. Die Reise ist seit Monaten vorbei, aber der letzte Artikel fehlte. Ich weiß nicht, woran es lag, dass der Text zu Kanada erst jetzt erscheint: Fehlende Disziplin oder die Auseinandersetzung damit, dass alle Abenteuer, die ich erleben durfte, nun wieder dem Alltag gewichen sind. Über dem nachfolgenden Text bin ich unzählige, quälende Male gegessen, habe ihn neu geschrieben und dann wieder verworfen, aber es wollte einfach nicht voran gehen. Jetzt ist er aber fertig, und bevor ihr ihn lesen könnt, will ich erst noch etwas sagen: Danke! Ich habe so viel tolles Feedback und Anregungen zum Blog bekommen. Etwas, das eigentlich nur meine Familie auf dem Laufenden halten sollte, ist irgendwann in Zeitungen, im Radio und beim Bayerischen Rundfunk gelandet. Danke, dass ihr meiner Reise gefolgt seid! Ich freue mich über Jeden, der Spaß beim Lesen hatte, etwas Neues über andere Länder gelernt hat oder vielleicht sogar Lust bekommen hat, wieder etwas mehr zu reisen.




New York, JFK International Airport - Während ich meinen Platz in der WestJet Maschine einnehme, werde ich mir bereits zum ersten Mal des kanadische Spirits bewusst: „Wollen Sie meinen Fensterplatz?“, frägt eine nette, ältere Dame. Auf meine Antwort, dass ich eigentlich eh den Fensterplatz habe, reagiert sie leicht verschämt. Ich biete ihr zwar an, den Sitz mit Aussicht zu behalten, da ich sowieso lieber am Gang sitze, die Situation ist ihr allerdings schon zu peinlich.

Im Gegensatz zu meinen bisherigen Flügen, auf denen meist ein kurzer Smalltalk die größtmögliche aller sozialen Interaktionen darstellte, sind die Gespräche diesmal recht herzlich. Die Frau im mittleren Sitz kommt aus Kamloops und war mit Freundinnen in New York. Da ich mich für Ihre Wandertipps in British Columbia interessiere, lädt sie mich dazu ein, bei meinem Zwischenstopp in ihrer Heimat doch bei ihr zu übernachten. Freundlich sind sie wirklich, die Kanadier.


Es ist spät als ich im Airbnb ankomme und ich könnte noch etwas zu Essen vertragen. Das Stadtzentrum ist etwa eine halbe Stunde entfernt, aber es gibt eine kleine Bar neben der örtlichen Mall. Als ich die Tür öffne schallt mir 80er Jahre Glam-Metal entgegen und während die mit Perücken und Lederhosen, nein nicht die Art von Lederhosn die ich trage, ausgestattete Band „Pour Sugar on Me“ zum Besten gibt, bekomme ich mein erstes kanadisches Bier. Da der komplette Raum mit diversen Flachbildschirmen tapeziert ist, kann ich in sämtliche Richtungen schauen und bei jeder Drehung eine neue Sportart ansehen. Ich bleibe bei Golf und Football hängen bis endlich mein Essen eintrifft, Burger mit Poutine.


Poutine ist das kanadische Nationalgericht, bestehend aus Pommes, die mit Käse überbacken und mit Bratensoße übergossen werden. Hört sich leider besser an als es schmeckt. Auf der Tanzfläche drehen alte Biker in Lederkluft ihre ebenso alten aber spärlicher bekleideten Frauen. Als mit „You give love a bad name“ der letzte Song zu Ende ist, verlasse ich um 2 Uhr nachts die Bar.

Leider schlage ich aus Versehen die Tür mit voller Wucht gegen den Rücken eines circa zwei Meter großen, vollbärtigen und von oben bis unten tätowierten Bikers. Er, seine platinblonde Freundin und circa 15 weitere Motorradfahrer sehen mich so an, als hätte ich gerade ihre Maschinen umgeschubst. „Sorry“, sage ich sehr eingeschüchtert, um einerseits zu de-eskalieren und andererseits halbwegs kanadisch zu wirken. Der Biker nimmt seine Sonnenbrille ab, geht langsam auf mich zu und – lächelt. Was? Damit habe ich nicht gerechnet. „Wieso sorry? Ich war der Idiot, der die Tür blockiert hat. Schönen Abend noch!“


Oh Canada, our home and native land. Schön, dass an vielen Klischees doch etwas Wahres dran ist.

Auf den Roadtrip durch den wilden Westen Kanadas freue ich mich schon sehr lange, weil ich ihn mit meinem besten Freund Matteo machen werde. Allerdings habe ich mich in der Planung um einen Tag vertan und habe dementsprechend ein wenig mehr Freizeit zur Verfügung bevor Matteo landet.

Ich fahre also nach Calgary. Hier mache ich allerdings auch die Erfahrung, dass nicht jeder Kanadier freundlich ist: Ich frage einen alten Mann nach dem Weg, er hört, aber ignoriert mich mehrmals, selbst als ich direkt vor ihm stehe. Anschließend laufe ich zum Bahngleis, der mitten durch die Stadt geht, wo ich von Meth-Junkies angepöbelt werde. Diesmal bin ich derjenige, der ignoriert. Vor einem Verwaltungsgebäude einige Meter weiter stehen die kanadischen Äquivalente zur deutschen Pegida-Bewegung und skandieren nicht-jugendfreie Parolen über Justin Trudeau.


Leicht genervt mache ich mich auf den Weg in die Fußgängerzone. Normalerweise setze ich mich gern in Altstädte und beobachte meine Umgebung bei einem Kaffee. Da kanadische Städte jedoch ziemlich jung sind, gibt es so etwas wie Altstädte eher selten. Nun sitze ich also in einem Kaffee in der Fußgängerzone und beobachte. Allerdings nichts Besonderes. Die skurrilen Gestalten New Yorks sucht man in Calgary vergeblich, also sehe ich mir wieder einmal Golf an.


Matteo trifft abends nach einem anstrengenden Flug mit mehreren Layovers ein! Wir sehen uns zum ersten Mal seit drei Monaten wieder und das muss gefeiert werden. Also ab zurück in die Biker-Bar und bei Whisky-Cola können wir uns über die Ereignisse der vergangenen Monate austauschen.


Am nächsten Morgen frühstücken wir kanadisch: Wir essen Fast Food in einem Tim Hortons. Die Kette ist bei Kanadiern sogar so beliebt und omnipräsent, dass die Größe von Städten umgangssprachlich nach der Anzahl von Tim Hortons beschrieben werden (z.B. Three-Tims-Town). Ein Breakfast-Bagel und Donut mit Schokoglasur später machen wir uns per Uber auf den Weg zur AVIS-Station.


Wir schauen beide eher aufs Budget und haben uns deshalb für unseren 3.500 Kilometer Trip von Calgary nach Vancouver Island nur einen Kleinwagen gebucht. Als wir diesen gerade abholen möchten, erhalten wir die frohe Kunde, dass aktuell kein Kleinwagen verfügbar wäre und wir deshalb einen anderen erhalten. Wir laufen auf den Parkplatz und vor uns steht ein riesiger, weißer Jeep Wrangler. Wir können unser Glück gar nicht fassen, zumindest ich wollte immer schon einmal mit einem Jeep einen Roadtrip machen.




Wir fahren los in die Wildnis. Erster Stopp: Walmart. Wie erwartet, sind hier, im liberalen Teil Nordamerikas, zwar keine Schusswaffen ausgestellt, das Größenausmaß des Supermarkts ist aber nicht minder imposant als beim südlichen Nachbarn USA. Wir wandern durch die Regalschluchten und finden trotzdem nichts, dass so wirklich unserem Geschmack entspricht. Deshalb gibt es Schinken, Käse und Salat, die wir zu Wraps verarbeiten. Ach ja und ein Zelt samt Campingstühlen muss natürlich auch her. Nun geht es aber wirklich los!


Nach knapp eineinhalb Stunden fahren wir durch die Kontrollposten des Banff National Park. Die Berge werden immer höher, die Wälder immer größer und die Straßen gehen immer gerade aus.

Nach wenigen Stunden kommen wir an den Lake Louise. Türkisblaues Wasser in dem sich ein schneebedeckte Bergmassiv im Hintergrund spiegelt. Zwar stehen an dem Parkplatz-nahen Seeufer haufenweise chinesische Touristengruppen, deutsche Urlauber in Sportsocken-Sandalen-Kombi und Möchtegern-Influencer, nach einem kurzen Spaziergang am Ufer entlang sind aber nur noch wenige Touristen zu sehen.



Wir haben unsere Ruhe, blödeln herum und werfen Steine ins Wasser. Unsere Umgebung könnte nicht malerischer sein. Und bereits eine halbe Stunde später sehen wir dann auch zum ersten Mal Bären. Eine Schwarzbären-Mutter und ihr Junges stehen am Straßenrand, außen herum mehrere fotowütige Touristen und wir. Bären, Berge, Seen und Kekse mit Ahornsirup im Handschuhfach. Genau so habe ich mir Kanada erhofft.




Es dauert nicht lange und wir sehen die nächsten Bären: Diesmal aber Grizzlies, da ist die Ehrfurcht und auch der Sicherheitsabstand deutlich größer. Eine alte Bauernregel zum Umgang mit Bären lautet: „If they’re black fight ‘em back, if they’re brown just lay down“, also wehr‘ dich gegen Schwarzbären aber stell dich bei Grizzlies tot. Diese sind nämlich deutlich stärker und aggressiver als ihre kleinen, schwarzen Artgenossen.


Wir suchen nach einem Campingplatz, da wir uns jedoch in der Nebensaison befinden, ist der Großteil der Anlagen noch geschlossen. Wildcampen ist leider verboten und uns in Anbetracht unserer haarigen Nachbarn auch ein wenig zu riskant. In einem angrenzenden Park finden wir einen kleinen Campingplatz. Auch hier wird deutlich auf die Gefahren durch herumstreifende Bären hingewiesen und mit ein weniger übertriebener Vorsicht schlafen wir beide in dieser Nacht im Auto. Ich fand Bären immer toll und faszinierend, doch spätestens seit der Szene in „The Revennant“, als der Hauptcharakter trotz mehrmaligen Totstellens von einem Grizzly zerfleischt wird, ist mir auch ziemlich bange. Vielen Dank, Leonardo DiCaprio.


Wir fahren und fahren und fahren. Um uns herum ziehen riesige Wälder, schneebedeckte Berge, Gletscher, Seen und Wildtiere an den Fenstern vorbei. Das Fahren macht Spaß und wir sind deutlich schneller als erwartet. Nachmittags haben wir zu unserer Überraschung bereits schon zwei National- und einen Regionalpark hinter uns gelassen. In Jasper decken wir uns mit Lebensmitteln ein und suchen uns einen geeigneten Campingplatz mit WLAN.

Meine Mutter teilt mir per Whatsapp mit, dass ich mich dringend melden soll. Am Telefon erklärt sie mir, dass es meiner kranken Großmutter immer schlechter geht. Sie ist einer der Hauptgründe, wieso ich überhaupt blogge. Sie hätte gern selbst noch mehr von der Welt gesehen, der Krebs hindert sie daran. Aber sie möchte unbedingt wissen, was ich auf meiner Tour um den Globus so erlebe. Mein Vater druckt ihr die aktuellen Blogeinträge und Fotos aus. Bei meinem Buenos Aires Artikel witzelt sie noch herum, dass sie auch bald nochmal nach Argentinien muss. Jetzt ist es allerdings so schlimm geworden, dass meine Mutter befürchtet, ich könnte sie nicht noch einmal wiedersehen, bevor ich heimkomme. Deshalb verabreden wir uns zum Skype-Telefonat am nächsten Tag.


Meine Stimmung ist am Boden, aber Matteo gibt sein Bestes mich aufzumuntern und wir beschließen, dass heute mal ein schönes Abendessen angesagt ist. Wir haben einen traumhaft schönen Campingplatz, stellen unser Zelt direkt neben dem Fluss auf und werfen den Grill an. Steaks, Pitabrot, Salat und ein paar Bierchen. Die Sonne geht über den Bergen unter und wir wärmen uns am Feuer auf, als wir die Flasche Jack öffnen. Wir blödeln herum, hören uns alte Gerhard Polt Nummern an und die Flasche leert sich so langsam. Als ich zur Toilette laufe merke ich, dass das Gerade-Gehen nicht mehr funktioniert. Mir geht’s wirklich dreckig am nächsten Morgen. Verkatert ist keine auch nur annähernd treffende Formulierung meines Gemütszustands. Unfassbar. Wenn ich eine Sache beim Reisen gelernt habe, dann ist das, dass ich zurecht zuhause quasi nie trinke. Ich vertrage einfach nicht so viel, wie ich gern möchte. Das vergesse ich leider mit jeder Ländergrenze, die ich übertrete aufs Neue.



Ich versuche, mich zu beherrschen, denn nun steht das Telefonat mit meiner Oma an. Sie reißt sich so sehr zusammen, mich nicht zu beunruhigen, dass dies fast tatsächlich klappt. Begeistert lässt sie sich von den Bären und den von ihr so geliebten Bergen erzählen. Kanada hätte ihr wirklich gut gefallen. Wir skypen circa eine dreiviertel Stunde, dann wird es zu anstrengend für sie, aber auch für mich. Ich hoffe, sie wirklich nochmal zu sehen.


Um 13 Uhr gehen wir zum Frühstücken, Matteo hat das Steuer des Jeeps übernommen. Wir beschließen, noch ein wenig Strecke gut zu machen und er lenkt routiniert unseren weißen Straßenkoloss über die Highways während ich meinen verkaterten Körper auf dem Beifahrersitz ausruhe. Als ich aufwache, sind wir quasi schon in Kamloops. Kamloops? Hier wohnt doch meine Sitznachbarin vom Hinflug! Aber angesichts der zu erwartenden Dia-Show ihrer Kinder, Enkel und restlichen Sippe, von der ich bereits im Flieger einen Vorgeschmack bekommen hatte, verlagern wir unser Nachtlager lieber doch wieder auf einen Campingplatz.


Die Landschaft hat sich verändert: Aus dem Klischee-Kanada ist auf einmal eine Wild-West-ähnliche Steppe geworden. Karge, braun-graue Hügel, die manchmal mit farbigen Blumen bedeckt sind erinnern stark an Red Dead Redemption. Nach einigen Stunden Fahrt gelangen wir auf einen kleinen Campingplatz am Seeufer, circa eine Stunde von Kamloops entfernt. Mitten im Nichts lebt es sich nach Städten wie Hongkong, Moskau, Buenos Aires und New York aber auch sehr schön.



Als wir am nächsten Morgen ein kleines Diner in einem Dorf frühstücken, belauschen wir das Gespräch am Nachbartisch. Sogar hier, mitten im Nirgendwo: Deutsche. Es stimmt, die Deutschen sind einfach überall. Der starke Kaffee, ein Omelette und Pancakes helfen aber dabei, das nörgelnde Touristenpack zu überhören. Und wir sind gerüstet für die Weiterfahrt.


Auf einmal sieht es wieder kanadisch aus, die Berge und Wälder sind zurück. Ein Schild begrüßt uns: „You’re entering Grizzly country!“ Perfekt, die Bären sind auch wieder da. Die Strecke ist kurvenreich und es macht einfach Spaß, den Jeep durch die Wildnis zu schlängeln. Es wird mit Abstand meine liebste Autofahrt werden. Im Radio läuft Classic Rock, Stevie Ray Vaughan spielt Voodoo Child fast besser als Hendrix selbst, die Sonne kommt raus und ich bin glücklich. Einige Stunden später ist die Fahrt leider schon vorbei und wir kommen in Whistler an, einem der größten Skigebiete Nordamerikas. Dementsprechend wirkt der Ort selbst leider wie Disneyland: Die Gebäude sehen aus, als wären sie aus Plastik und wir sind nach einem kurzen Spaziergang im spontanen Platzregen schon wieder auf unserem Campingplatz.


Das Wetter macht keinen Spaß, die Stadt auch nicht, wenn man nicht Ski oder Moutainbike fährt. Deshalb fahren wir am Morgen einfach weiter nach Vancouver. Beziehungsweise wir überlegen lange, ob wir gleich auf die Fähre nach Vancouver Island steigen oder nicht, entscheiden uns aber für einen weiteren Tag auf dem Festland. Das Wetter ist wieder schön, wir entspannen in einem Kaffee an der Küste und legen uns dann an einen kleinen Felsenstrand mit Blick auf die Skyline.



Als ich gerade die Felsen hochklettere, um mir meine Jacke aus dem Auto zu holen, bewegt sich etwas neben einem Fuß. Ich bin fast auf eine Schlange gestiegen, die nun laut zischt. Anstatt schnell meinen Fuß zurückzuziehen, reagiere ich denkbar dumm: Ich rufe laut „Schlange“. Ich befürchte, in der Wildnis Kanadas würde ich keine 10 Tage überleben.


Abends decken wir uns im lokalen Walmart noch mit Pfanne und Löffel aus, um einfacher kochen zu können, das Essengehen schlägt aufs Budget. Allerdings haben wir keine Feuerstelle auf unserem Campingplatz, also doch wieder auswärts speisen. Kanada ist noch teurer als Neuseeland, deshalb sind wir meistens in Fast Food- oder Tim Horton`s Filialen. Wir versuchen „Chipotles“ und essen Tacos. Es schmeckt fantastisch, mein Magen dreht aber durch.


Nie hatte ich unterwegs Probleme, nicht mit mongolischen Ziegenmilchgebäck, nicht mit russischen Eintöpfen, nicht mit chiliverseuchten Reisgerichten in China, nicht mit Nasi Goreng in einem schäbigen Warung, in dem Eidechsen auf die Teller sprangen und auch nicht mit der Cholesterinbombe von argentinischer Pizza. Aber ausgerechnet hier, in einer Fast Food Kette in Vancouver, spielt mein Magen verrückt. Wer hätte das vorher gedacht.


Ein wenig Schlaf hilft und 12 Stunden später stehen wir auf Vancouver Island. Es ist T-Shirt Wetter, und den Taco im Hafen von Nanaimo vertrage ich nun auch deutlich besser.

Uns gefällt es in diesem Eck der Insel und deshalb suchen wir gleich die nächste Übernachtungsmöglichkeit. Ein alter Chinese namens John lässt überstürzt die Gartenarbeit liegen um uns auf seinem Campingplatz willkommen zu heißen. Wir bekommen circa 30 Minuten lang die Vorzüge von Vancouver Island erklärt und er gibt uns zusätzlich noch einige kleine Geheimtipps, deren Schönheit er mit circa 20 Jahren alten Fotos in einem liebevoll zusammengestellten Album zu unterstreichen versucht.


Während Matteo sich das Zelt einrichtet, gestalte ich die umgeklappte Rückbank des Jeeps in eine annähernd häusliche Umgebung. Ein großer Salat mit einem ganzen Ahorn-Schinken stellt unser Abendessen dar und ich komme zum ersten Mal dazu, wieder etwas zu bloggen. Das WLAN ist überraschend schnell und so dauert es nur wenige Stunden bis mein New York Eintrag hochgeladen ist.


Chillen, Fast Food, Chillen, Trinken. Und schon ist unser Zwischenstopp in Nanaimo auch wieder vorbei. Wir fahren weiter nach Tofino. Die Stadt liegt an der Atlantikküste und sieht eher kalifornisch aus. Hipster-Kaffees und Surfer, dazwischen zwei Touristen, einer davon in Lederhosen.


Wir schlagen unsere Zelte, beziehungsweise ein Walmart Zelt und die Rückbank eines Jeeps, ganz in der Nähe auf. Zur Anlage gehört auch ein Golfplatz und während Matteo ein wenig für eine bevorstehende Prüfung büffelt, spiele ich eine Runde mit John und Marc, die ich am ersten Abschlag kennengelernt habe. Sie schimpfen lauthals über die neue Regelung, welche Alkohol auf dem Platz verbietet. „Wir spielen hier nur so oft, weil wir von unseren Frauen wegkommen und uns betrinken können.“ Die Einstellung gefällt mir und wenn der Ranger vorbeifährt, verstecken wir die Bierdosen im Golfbag.


Golf wird hier lockerer genommen, nicht so zwanghaft und elitär wie in Deutschland, sondern als das was es ist: Ein Sport, bei dem man eine gute Zeit mit seinen Kumpels verbringen kann. „Wenn du Glück hast, läuft uns der ein oder andere Schwarzbär über den Weg auf der Runde“, erzählt Marc. Aber leider sind sie and diesem Tag doch ein wenig zu scheu. Dafür erfahre ich jedoch einige interessante Infos zu Kanadiern.


„Wir sind nett zu Ausländern. Aber uns selbst hassen wir“, findet John. „Wenn ich heute ein BBQ machen würde, wärst du sofort eingeladen. Aber als Kanadier würde dir das nicht hier passieren. Irgendwie ist die Höflichkeit nur beschränkt verfügbar.“ Marc ergänzt: „Die meisten Kanadier hassen zum Beispiel die Leute aus Quebec. Die reden nur Französisch und wirken arrogant. Aber sie sind leider immer die besten Sportler für die Nationalmannschaften.“


Oh Kanada, du steckst voller Überraschungen.


Nach einem ausgiebigen Hipster-Frühstück fahren wir zurück zu John. Wir haben einfach Lust zu entspannen und nichts zu tun, weshalb wir einen weiteren Tag auf dem schönsten Campingplatz unserer Reise verbringen. Vom nahegelegenen Port Alberni aus machen wir zudem eine eintägige Tour auf einem Post-Versorgungsschiff, dass sich durch die Fjord-ähnlichen Flusslandschaften schlängelt, um abgelegene Hütten zu versorgen. Heute steht allerdings nur Sightseeing auf dem Programm. Bären, Robben und Weißkopfseeadler ziehen vor unseren Augen vorbei.


Allerdings fährt das Boot auch kurz übers Meer. Mein alter Erzfeind ist zurück: der Seegang. Ich hasse die Wellen, denn ich werde wahnsinnig schnell seekrank und verbringe zwei Stunden damit, meine Übelkeit im Inneren des Bootes zu ignorieren. Aber die wunderschöne Aussicht macht die Übelkeit wett.



Am Südufer Vancouver Islands entdecken wir nach kurzer Irrfahrt noch unsere eigene kleine Oase: Ein Campingplatz am Start des West Coast Trails. Unsere Zelt/Auto-Combo steht genau an dem Teil des Strandes, an dem ein Fluss aufs Meer trifft. Wir sind so abgeschieden, dass es keinen Handyempfang mehr gibt und das WLAN Geld kostet, aber die Landschaft ist so wunderschön unberührt. Nur wenige Dörfer unterbrechen die absolute Einsamkeit. Als wir ein wenig über den Weg wandern werden wir darauf hingewiesen, keine Hunde oder Kinder frei herumlaufen zu lassen. Sonst springt der Jaguar vom Baum. Nett hier.



Den letzten Abend verbringen wir wehmütig in Vancouver. Es ist Matteos Geburtstag. Um 12 Uhr nachts hatte ich ihm noch eine Plastiktüte voller Geschenke überreicht: Ein Flachmann aus China, Kühlschrankmagneten von Putin und Diego Maradonna, ein Trikot der Boca Juniors aus Buenos Aires, ein Notizbuch der All Blacks etc. Aus jedem Land habe ich ihm eine Kleinigkeit mitgebracht. Aber wirklich feiern konnten wir nicht, denn die Bar macht um kurz nach 12 dicht.


Deshalb wollen wir noch angemessen seinen Geburtstag feiern in Vancouvers Partymeile. Zwar mussten wir schweren Herzens den Jeep abgeben aber dafür können wir ja nochmal feiern. Vancouver macht uns jedoch einen Strich durch die Rechnung, denn die Clubs sind völlig überlaufen. Dafür können wir aber den letzten Abend der Reise so abschließen, wie unser Roadtrip auch begonnen hatte: Mit Bier und Whiskey-Cola in einer Sportsbar.


Mit einem lachenden und einem weinenden Auge stehe ich einen Tag später am Gepäckband des Franz-Josef-Strauß-Airport in München. Meine Familie, Sophie und Johannes, mit dem ich die ersten sechs Wochen gemeinsam gereist war, empfangen mich herzlich am Ausgang. Sophie hat alle mit „Welcome back Coxer“ T-Shirts, ein Gag aus unserer Lieblings-Serie „Scrubs“, ausgestattet.


Dany, Jojo, Sophie, Mom und Dad: Mein Empfangskommitee

Es fühlt sich schön an, zuhause zu sein.

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Nachwort



Ich habe meine Oma tatsächlich noch einmal gesehen. Wir saßen anschließend noch alle gemeinsam zum Essen und ich habe ihr in den folgenden Tagen noch oft von Erlebnissen auf der Reise erzählt. Leider ist sie nur eine Woche nach meiner Rückkehr verstorben und hatte keine Möglichkeit mehr, noch andere Teile der Welt zu sehen. Obwohl der Krebs schon gesiegt hatte, hat sie noch durchgehalten bis ich wieder zuhause war. Ihre Reiselust konnte nie gestillt werden und für mich ist das Grund genug, noch weiter so viel sehen zu können, wie es mir nur möglich ist. Das war nicht die letzte Reise in Lederhosen. Danke für alles!


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