• Christian Langer

Bunte Holzhäuser und mit dem Auto über'n Baikalsee



Kalt ist es am Baikalsee. Weitere Fotos folgen sobald ich Internet habe.

Irkutsk und die Insel Olchon



Ich sitze zum letzten Mal in der dritten Klasse einer russischen Eisenbahn. Wir haben um 6:47 Uhr Irkutsk in Richtung Ulan-Ude verlassen. Links von mir zieht bereits seit Stunden der eingeschneite Baikalsee vorbei, es ist wunderschön.


Kurze Geographie-Stunde: Der Baikalsee ist mit 673 km Länge und bis zu 82 km Breite einer der größten Seen der Welt. Er ist auf jeden Fall mit 1,6 Kilometern der tiefste und deshalb befindet sich knapp ein Fünftel des weltweiten (flüssigen) Süßwassers in ihm.

Um sich das Ganze mal in deutschen Größenverhältnissen vorzustellen: Er ist circa 12,5 mal so groß wie das Saarland. Ein See. Abgefahren.


Wir kommen vor einigen Tagen völlig verschlafen morgens in Irkutsk an. Wie gewohnt, war es eine kurze Nacht im Zug. Meine Laune könnte besser sein, vielleicht ist sie sogar richtig schlecht. Denn allein schon die Tatsache, dass wir auf die Tram zum Hostel warten müssen, macht mich wütend.


Im Hostel angekommen wendet sich das Blatt jedoch sofort: Nach bisher eher dürftigen Hostelerfahrungen, ist das 52°17' Travelcenter & Guesthouse in Irkutsk ein Paradies. Das nette Mädel am Empfang kann alle Fragen ausführlich auf Englisch beantworten, es hat eine tolle Lage und ist so eingerichtet, als würde man in einem kleinen Wohnhaus an der englischen Küste stehen - unglaublich gemütlich. Deshalb beschließen wir, einfach mal einen Chilltag einzulegen, und länger in Irkutsk zu gastieren.


Das Stadtbild ist gezeichnet von alten, bunten Wohnhäusern aus Holz, allerdings in schlechtem Zustand. In der Altstadt sind auch einige prunkvolle Steinbauten zu bewundern - interessanter sind jedoch die kleinen Hütten. Uns wird erklärt, dass hier die ursprünglichen Bewohner der Stadt beheimatet sind.

Was wir jedoch als optisch schön finden, ist für die Irkutsker eher ein Zeichen der Armut: Auf Grund der Bodenbeschaffenheit und einiger Erdbeben versinken die Häuser! Teilweise enden die Fenster eines ursprünglichen Erdgeschosses heute bereits unter Kniehöhe. Außerdem sind sie schlecht isoliert und es gibt kein fließendes Wasser, sodass dieses von öffentlichen Wasserpumpen bezogen werden muss.


"Es kommt auch gern mal vor, dass eine Hütte unter dubiosen Gründen abbrennt. Dann wird gesagt, das wäre bestimmt die Zigarette eines unvorsichtigen Touristen gewesen. Kurz darauf wird bereits mit dem Bau eines moderneren Haus begonnen", so erfahren wir.


Schön anzusehen sind sie allerdings trotzdem. Und Irkutsk ist ein kleines Highlight unserer bisherigen Reise, denn die Stadt strahlt einfach einen ganz eigenen Flair aus.


Mehr als ein wenig Flanieren ist an unseren beiden Tagen in Irkutsk nicht drin, wir sind einfach zu faul. Deswegen fahren wir mit einem Shuttle auf die Insel Olchon im Baikalsee.

Da das Eis bereits brüchig ist, wurde kurz vor unserer Ankunft das Befahren mit dem Bus verboten. Das stört uns jedoch wenig, denn ein Luftkissenboot befördert uns unter lautem Rattern auf die Insel. Dort wartet bereits ein Minibus darauf, mir die ruckeligste Fahrt meines Lebens zu bereiten. Der knapp 30 Kilometer lange Weg ist nicht geteert und die Schlaglöcher tief. Alle paar Sekunden fliege ich nach links, rechts oder einfach nach oben, um kurz darauf wieder unsanft zu landen. Die Landschaft erinnert ein wenig an die schottischen Highlands, nur nicht grün.


Die unkomfortable Busfahrt wird jedoch vom Charakter unserer Gastgeberin wieder wettgemacht. Nina ist eine nette, ältere Dame und zu unserer Überraschung des Deutschen mächtig. Sie hat als Deutschlehrerin gearbeitet und empfängt Gäste in ihren kleinen Holzhütten.


Abends laufen wir zum Schamanen Felsen in der Nähe von Khuzhir. Dieser Fels ist heilig und darf nicht betreten werden - fotografiert jedoch schon. Und weil dies auch von einer ungewohnten Position aus möglich ist, begeben wir uns auf den zugefrorenen See.

Die Sonne geht unter, ich breche einmal fast ein und falle zusätzlich noch einmal hin. Alle haben ihren Spaß.


Die Stadt sieht übrigens wie eine Wüstenstadt aus, da im Westen der Insel quasi keine Vegetation herrscht im Winter. Die staubige Hauptstraße ist zwar knapp 30 Meter breit aber trotzdem nur unter Einbeziehung aller vorhandenen Fahrkünste befahrbar.

Unser Fahrer am nächsten Tag nimmt darauf allerdings keine Rücksicht und brettert mit Vollgas über den staubigen Weg. Zusammen mit zwei Koreanerinnen und einem russischen Ehepaar sitzen wir in einem grauen UAZ-Bus. Diese Busse sind seit 50 Jahren quasi unverändert in ihrer Bauweise und jeder, wirklich jeder(!), auf der Insel fährt einen.

Nach wenigen Minuten erreichen wir das Ufer. Zu unseren positiven Überraschung können wir hier auf dem Eis fahren. Es gibt viele Foto-Stopps und mittags eine warme Fischsuppe auf dem See. Allerdings ist es so kalt, dass wir die Tour vorzeitig beenden müssen. Fünf Stunden auf dem Eis sind einfach das Maximum, das schlecht vorbereitete Touristen ertragen können.


Am Abend lernen wir noch drei russische Mädels kennen, die ebenfalls bei Nina wohnen. Aus einem Wodkashot werden schnell eineinhalb Flaschen. Wir lernen viel über Russland, die russische Sprache und Kultur. Außerdem erfahre ich, dass auch für Moskauer Sibirien eine magische, weit entfernte Welt ist. Genau wie für West-Europäer. So ist das in einem Land dieser unglaublichen Größe. Man legt 5000 Kilometer zurück und hat gerade ein wenig mehr als die Hälfte geschafft.


Den darauffolgenden Abend haben wir erneut in Irkutsk verbracht. Nun geht es ab nach Ulan-Ude, der Hauptstadt der Republik Burjatien, von wo unser Bus nach Ulan-Bator abfährt.


Ich kann jedem nur empfehlen, einmal im Leben den Baikalsee zu sehen. Wenn man am Ufer steht, kann man bei guter Sicht in weiter Entfernung das gegenüberliege sehen, hinter dem sich auf der Westseite auch die schneebedeckten Gipfel des Baikalgebirge erheben. Allerdings geht dies nur von Ost nach West. Der See ist so lang gezogen, dass man keine Chance hat, Nord- und Südufer gleichzeitig zu erkennen. Und auf dem tiefsten See der Welt zu laufen, zu schlittern und zu liegen ist eine Erfahrung, die ich wohl nicht mehr vergessen werde.


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